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Carpe Noctem Radio
Carpe Noctem : Hallo Richard, eins vorweg: ich finde die Ice Ages echt geil, am Anfang war ich noch nicht so begeistert, aber mit der Zeit wird die immer besser!!

Richard: Das freut mich. Ich glaube das Hauptproblem an Ice Ages ist, dem Hörer klarzumachen dass es eben kein EBM ist. Wenn man das mal erkannt hat sieht man es ganz anders und kann sich mehr auf die dunkle Atmosphäre konzentrieren.

Carpe Noctem : Hast du denn schon irgendwelche Reaktionen seitens der Presse oder der Fans bekommen?

Richard: Den Fans (Summoning und DVKE) gefiel es bis jetzt überraschend gut; ich habe nicht mit soviel Zustimmung gerechnet, da ja der Sound doch recht anders ist, aber offensichtlich sind Summoning und DVKE Fans doch sehr tolerant.

Carpe Noctem : Und die Presse?

Richard: So viele Interview und Reviews hatte ich noch nicht; aber im Durchschnitt scheint die neue CD recht gut anzukommen.

Carpe Noctem : Findest du denn das Toleranz im Hinblick auf Musik wichtig ist? Du meintest doch mal genau das würde dich eigentlich stören, wenn Leute sich damit brüsten wieviel verschiedene Musikstile sie hören, und wie tolerant sie doch sind.

Richard: Stimmt, aber ich habe da eher übertriebene Toleranz (besser den Zwang zur Toleranz ) gemeint. Ich finde einfach, dass je mehr Musikrichtungen ein Mensch hört, desto oberflächlicher kann er sie nur hören. Ich bevorzuge es weniger Stile zu hören, diese dafür aber wesentlich intensiver.

Carpe Noctem : Fällt es dir denn manchmal schwer immer zwischen den verschiedenen Projekten umdenken zu müssen. Immerhin sind es mittlerweile ja drei an der Zahl.

Richard: Es dauert schon eine Weile bis ich geistig völlig von einem Stil zum anderen gewechselt bin. Bei Ice Ages zum Beispiel hat es sehr lange gedauert, bis ich wieder in der richtigen Ice Ages Stimmung war. Das war auch einer der Gründe warum die neue CD so lange gedauert hat. Ich war noch zu sehr in DVKE gefangen, und bin jede Nummer nach dem DVKE Schema angegangen; bis ich wieder erkannte wie eine Ice Ages Nummer anzugehen ist - mehr vom Rhythmus ausgehend und auch minimalistischer beginnend und erst nach und nach das Stück wachsen zu lassen. Bei DVKE zum Beispiel musst ich hingegen gleich mit vielen Harmonien beginnen.

Carpe Noctem : Und wie sieht das bei Summoning aus?

Richard: Bei Summoning ist der wesentliche Unterschied, dass die Basismelodien vom Silenius gemacht werden und ich nur die Zusatzmelodien und das pathetische Element beisteuere. Da fällt der Einstieg natürlich wesentlich leichter da der Impuls von Silenius ausgeht.

Carpe Noctem : Hm....Das überrascht mich jetzt schon ein wenig, du bringst das pathetische Element ein? Was bleibt denn dann für Silenius noch übrig? :-)

Richard: Er macht die Melodien, die Ohrwürmer. Ich bringe die Pauken und Hörner dazu. Seine Melodien sind natürlich extrem wichtig; ohne sie wäre Summoning nicht wiederzuerkennen. Ich bin eher der Arrangeur und mache meisten die Zusatzhörner -Pauken -Trompeten und auch die Gitarrenmelodien.

Carpe Noctem : Ok, das soll jetzt aber auch reichen. Schliesslich ist ja heute Ice Ages unser Thema, aber ich kann es halt nie lassen dich auch über Summoning auszuquetschen. :-)

Richard: Kein Problem! :-)

Carpe Noctem : Was stört dich denn an der heutigen, typischen EBM Musik? Und worin unterscheidet sich Ice Ages von ihr?

Richard: Mich stört, dass sich so langsam die EBM Szene in die Technoszene verwandelt. Die Sounds und der Beat sind schon seit Jahren fast identisch mit "kommezieller" Technomusic. Das Wesen am EBM ist schon sehr verlorengegangen. Nur wenige EBM Band scheint sich mehr auf Düsterkeit zu konzentrieren. Es werden hauptsächlich aktuelle Trends versucht zu integrieren. Der EBM (sowie auch grosse Teile der Dark Wave Szene) konzentriert sich mehr darauf Trends aus dem "Overground" zu integrieren, als selber Trends zu schaffen. Bei Ice Ages versuche ich eine düstere, elektronische Musik frei von modernen "Zeitgemässen Trends " zu machen. Ich will eine eigenständige Musik machen, die nicht von kommerzieller Musik geprägt ist. Ich finde dass man in den 90er Jahren immer nur Innovation mit dem Mischen von Stilen gleichgesetzt; aber es ist doch genausogut möglich innovativ zu sein, ohne auf bereits existierende Stile zurückgreifen zu müssen. Im Gegenteil, das Mischen von fertigen Trends ist für mich eigentlich weniger Innovation, als einen eigenen Trend zu schaffen.

Carpe Noctem : Hast du schon den neusten Trend im Metalbereich mitbekommen?

Richard: Nein; welcher ist es denn?

Carpe Noctem : Dort scheint man dazu überzugehen elektronische Sounds und zum Teil auch Betas mit fetten Gitarren und Metal Gesang zu vermischen. Bands wie Darkseed, Crematory, Theatre of Tragedy, Paradise Lost oder auch Dark Tranquillity gehen in diese Richtung.

Richard: Um das zu beurteilen müsste ich es hören; ich finde ja nicht dass ein Trend generell schlecht ist, nur sollte er nicht den Underground allmählich von innen her zersetzen.

Carpe Noctem : In welcher Weise bedient sich denn deiner Meinung nach die Dark Wave Szene aus dem "Overground" ?

Richard: Ich meine damit Dance Floor Elemente und verzerrte Gitarren. Ich finde, dass der Gegenpol zur kommerziellen Musik fehlt. Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal die erste CD von "Das Ich" gehört habe war ich total begeistert, denn zu dieser Zeit war girtarrenlose Musik abseits des Techno komplett unkommerziell. Zu dieser Zeit war der Dark Wave das komplette Gegenteil zum Overground. Nun werden mehr und mehr Elemente übernommen. Es wäre ein revolutionärer Akt gewesen Metalgitarren zu der Musik hinzuzufügen (zB bei Lacrimosa) wenn wir die 80er Jahre hätten, wo harte Gitarrenmusik verpönt war. Jetzt wo Bands wie Metallica zu den erfolgreichsten Bands der Welt zählen ist ein Heavy Metal Gitarreneinsatz sicher keine Revolution mehr und nichts weiteres als ein Nachrennen des Mainstreams.

Carpe Noctem : fühlst du dich demnach ein bisschen als Missionar?

Richard: Nein, ich mache nicht Musik um Leute zu missionieren, sondern weil ich Musik machen will, die genau meinen Vorstellungen entspricht. Erst nach der Fertigstellung einer Platte beginne ich auch manchmal über Sachen wie die Musikstile Musiktheorien usw nachzudenken.

Carpe Noctem : Das heisst also, dass du nicht im Vorfeld sagst: Die Platte muss einen Gegenpol zum heutigen EBM darstellen, sondern dass es einfach passiert?

Richard: Genau. Wenn ich beginne einen neuen Song zu schreiben ist zuerst einmal eine kleine Melodie da, die ich dann weiter ausbaue oder verwerfe. Nach und nach über Stunden beginnt diese kleine Melodie immer mehr und mehr zu wachsen, und ich beginne immer mehr die Atmosphäre der Melodie genau nach meinem Geschmack auszubauen. Die Nummer wird nach meinem Erachten immer perfekter. Wenn ich mich also im Songentstehungsprozess befinde; kann ich mir überhaupt nicht vorstellen dass der Song irgend jemanden stilistisch widersprechen könnte.Mein Geschmack ist der Massstab für den Song, und erst nachdem ich genügend Abstand zu ihm erlangt habe merke ich immer, wie weit er sich von Trend entfernt hat.

Carpe Noctem : Was hat dich denn damals eigentlich dazu gebracht Ice Ages zu gründen?

Richard: Sicherlich war die Band Leatherstrip für mich sehr wichtig. Zwar ist diese Musik viel geradliniger als die von Ice Ages, aber die extrem düstere Stimmung war sicher eine grosse Inspiration für mich. Gewisse Elemente in den Songs (wie Mowhawk, oder Zyclon B) haben mich sehr inspiriert. Ausserdem gefällt mir auch die Konsequenz und die Nichtanbiederung an den Mainstream sehr gut an Leatherstrip.

Carpe Noctem : Wenn die Atmosphäre bei Ice Ages eine so große Rolle spielt, frage ich mich wie denn die Atmosphäre bei den Aufnahmen für dich war? Versuchst dich vorher irgendwie in Stimmung zu bringen oder ist das ein ganz normaler technischer Ablauf?

Richard: Sicher spielt mein Aufnahmeraum (den ich mit schwarzem Stoff austapeziert habe) eine Rolle um in Stimmung zu kommen. Dort bin ich abgeschirmt und kann mich voll ausleben. Um aber in die richtige Stimmung zu kommen, bedarf es allerdings mehr. Es geschieht auch sehr oft das ich Stunden in meinem Musikraum verbringe und einfach nicht in Stimmung komme. Ich kann allerdings nicht sagen wovon es abhängt ob ich meine Stimmung erreiche oder nicht; es ist unvorhersehbar.

Carpe Noctem : Du zwingst sie also nicht herbei, indem du dir z.B. entsprechende Filme oder so anschaust?

Richard: Nein das würde bei mir nicht helfen. Am ehesten komme ich in Stimmung, wenn ich wieder und wieder auf meinem Keybaord herumspiele und dann zufällig eine kleine Melodie entdecke.

Carpe Noctem : Könntest du dir vorstellen, daß Tania auf einer zukünftigen Ice Ages CD singen könnte?

Richard: Nein, weil bei mir Ice Ages einfach eine ganz andere Welt als DVKE darstellt. Die Welt von Ice Ages ist kalt, einsam und futuristisch. Meine Stimme symbolisiert dort eine Mensch-Maschine Mischung deren Gefühle erkältet sind. Was hätte dort die warme, ausdrucksstark Stimme von Tania verloren? Sie würde höchstens der Musik die Kälte nehmen.

Carpe Noctem : Nun, man könnte sie doch auch bis zum Anschlag verzerren, oder?

Richard: Das würde nicht so klingen wie man es sich vorstellt. Auch bei meiner Stimmer würde es schrecklich klingen wenn ich so wie bei DVKE singen würde und die Stimme dann elektronisch verzerren würde. Das Verzerrgerät macht nicht alles alleine; man muss schon die richtige Stimme finden damit sie auch durch den Verzerrer gut klingt. Tanias Stimme durch einen Verzerrer würde einfach nur kaputt klingen; das Gerät würde ihre Stimme nicht unmenschlicher machen.

Carpe Noctem : Klingt aber irgendwie abgefahren finde ich.

Richard: Es würde eher an so Alternative Musik erinnern, nicht an die kalte Welt von Ice Ages.

Carpe Noctem : Hast du eigentlich ein konkretes Bild im Kopf wie die Welt von Ice Ages ausschaut oder sind das eher allgemeine Vorstellungen?

Richard: Ich stelle mir immer eine dunkle, unterirdische, einsame Tunnel-Welt vor, deren Herrscher meine Stimme darstellt. Am ehesten kann ich den Film "Dark City" damit in Verbindung bringen.

Carpe Noctem : ...den ich immer noch nicht gesehen habe :-(

Richard: .... was schade ist

Carpe Noctem : Wovon handeln denn die Texte?

Richard: Sie sollen in erster Linie düstere Bilder und Stimmungen entstehen lassen. Ich will keine Geschichten erzählen, sondern nur die Atmosphäre der Musik mit den Texten unterstreichen. Ausserdem sind 4 der Texte von einem Freund von mir aus Sibirien.

Carpe Noctem : Wie kam es dazu, dass er die beigesteuert hat?

Richard: Ich kenne ihn schon lange. Er war schon seit längerer Zeit mit der Summoning und DVKE Homepage involviert; auf diese Weise habe ich ihn kennengelernt. Ich erfuhr dann ,dass er auch englischsprachige Texte schreiben kann, und war spontan von seinem Text zu "This Killing Emptiness" sehr begeistert. Also nahm ich seine Texte für Ice Ages. Erst später begann ich auch selber Texte zu schreiben.

Carpe Noctem : Was eine Premiere ist, oder?

Richard: Genau. Es sind die ersten richtigen vollständigen Texte von mir. In der Vergangenheit hatte ich grosse Problem damit Texte zu schreiben, weil ich dabei immer zu logisch und analytisch vorgegangen bin und immer jedes Wort einen logischen Platz im Satz und jeder Satz logisch zueinander stehen musste. Erst seit kurzem kann ich beim Texteschreiben mehr Phantasie zu lassen

Carpe Noctem : Wie kam es dazu?

Richard: Keine Ahnung; ich begann meinen ersten Text zu schreiben als ich noch von einem Schaffungsprozess einer Ice Ages Nummer berauscht war, und auf diese Weise verhindert war zu analytisch zu denken:-)

Carpe Noctem : Na, da bin ich aber beruhigt, dassdich nur die Musik berauscht hat.:-

Richard: Ich bin kein Gegner von Rauschmitteln, nur bringt mir soetwas überhaupt nichts für den Songwritingprozess; es schwächt mich nur. Ich finde dass ein nettes Bier in Gesellschaft durchaus seine Vorteile hat, nur nicht beim Komponieren:-)

Carpe Noctem : Hast du jemals daran gedacht Mathematik zu studieren?

Richard: Für Mathematik bin ich einfach zu chaotisch und ausserdem bin ich ein wenig legastisch. Aber für mich hat das kreative Erforschen von abstrakten Formeln durchaus Ähnlichkeiten mit Musik (Beides sind sehr abstrakte Prozesse und können auch durchaus berauschend wirken, solange es einem nicht durch die Schule bereits verdorben wurde)

Carpe Noctem : Ich habe auch schon oft festgestellt, daß musikalisch begabte Menschen sehr oft auch in Mathematik sehr gut sind.

Richard: Eine gelungene harmonische Formel die alle Probleme auf einfache Weise erklärt und vielfach anwendbar ist, ist ein wenig wie eine harmonische, stimmungsvolle Melodie; (wenngleich der Zugang zu einer Formel sicherlich (auch für mich:-) viel schwieriger ist als zu einer Melodie). Ich meine es nur theoretisch.

Carpe Noctem : Themawechsel: Was hält denn Napalm jetzt von Ice Ages, nach dem Release?

Richard: Am Anfang hatte das Labe leichte Gewöhnungsschwierigkeiten, da der Sound doch ganz anders ist, aber nach kurzer Zeit haben sie sich daran gewöhnt und mögen Ice Ages jetzt sehr.

Carpe Noctem : Weisst du, ob das eventuell eine neue Schiene auf Napalm werden könnte? Quasi ein neues Sub-Label?

Richard: Glaube ich weniger, da die Hauptvorlieben von Napalm doch eher BM und Gothic Metal sind. Aber wer weiss; ich hätte am Anfang auch nicht gedacht, dass Napalm mal ein reines Darkwave Unterlabel gründen könnte.

Carpe Noctem : Was ja durchaus seinen Erfolg hat!

Richard: Stimmt; war aber nicht 100% abzusehen.

Carpe Noctem : Was hältst du denn von Dargaards Sideproject Dominion?

Richard: Gefällt mir sehr gut. Mein Favorit ist die erste Nummer.

Carpe Noctem : Hey, meiner auch!! Insgesamt tendiert es mir jedoch etwas zu sehr in die Dargaard Richtung!

Richard: Wenn ich etwas auszusetzen hätte dann am ehesten der geringe Kontrast zwischen den beiden Projekten, aber das ist kein wirkliches Problem. Für mich ist das aber auch der Grund warum ich niemals die Stimme von Tania für Ice Ages verwenden werde; es soll eine klare Grenze zwischen den beiden Bands beibehalten werden.

Carpe Noctem : Hat Tania eigentlich irgendwelche Pläne mal Solo aktiv zu werden?

Richard: Nein, sie ist zufrieden mit ihrer Tätigkeit als Sängerin von DVKE. Ausserdem hat sie ja wichtige kreative Beiträge zur letzten Platte geleistet.

Carpe Noctem : Du meinst zur letzten DVKE?

Richard: Ja genau (die Gesangmelodie zur Summoning Nummer stammt auch von ihr)

Carpe Noctem : Gibt es eigentlich noch irgendwelche Bands aus dem EBM Bereich die dir gefallen, ausser Leatherstrip?

Richard: Ich habe die erste Funker Vogt geliebt, doch ist auch diese Band mir zu tekknoid geworden (so wie die alten Evils Toy). Bands die mir momentan gefallen sind Anasest, Infact und auch die neue Suicide Commando (besonders die langsameren Stücke).

Carpe Noctem : Steht jetzt schon fest mit welchem Projekt du dich als nächtes wieder beschäftigen wirst?

Richard: Ja, und zwar mit Summoning

Carpe Noctem : Ich vermute konkretere Angaben kannst du noch nicht machen, oder?

Richard: Stimmt:-)

Carpe Noctem : Ehrlich gesagt war es das jetzt auch schon!

Richard: Kein Problem. Auf jeden Fall war das Interview sehr abwechslungsreich und spontan; hat mir gefallen.

Carpe Noctem : Freut mich!!