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Sonic Seducer
Tödliche Kälte

Die Zeiten, in denen Elektro düster und nihilistisch klang scheinen vorbei. Technoide Klangstrukturen beherrschen die Szenerie und was an den heutigen Lieblingen der Szene so dunkel sein soll, will ich nicht ganz verstehen. Doch mit Ice Ages meldet sich eine Formation zurück, die schwer, schwarz und schwellend ist, keine Anbiederung an aktuelle Trends zuläßt und dabei keineswegs altbacken klingt. Der viel umtriebene Richard Lederer ist für dieses bodenlose Loch, welches sich in seiner neuesten Form "This Killing Emptiness" nennt, verantwortlich. Bekannt durch seine Tätigkeit bei Summoning und Die Verbannten Kinder Evas betont er allerdings, daß dies kein Nebenprojekt ist und die gleiche Priorität wie seine anderen Handlungsfelder genießt. Tatsächlich hört man diesem Zweitwerk die Intensität an, mit der sich Richard diesem Stück apokalytpischem Elektro gewidmet hat.

Dabei war es ihm wichtig, die neuen Stücke, im Gegensatz zu dem Debüt "Strike The Ground" langsamer zu gestalten: "Die Ursache dafür liegt einerseits darin, daß ich der Meinung bin, daß die Wucht eines Rhythmus umso größer wird, je langsamer dieser gespielt wird, andererseits darin, daß mich schon seit sehr langer Zeit die zunehmend größer werdenden Technoeinflüsse in der EBM Musik immer mehr stören und ich rhythmisch instinktiv dagegen gesetzt habe." Nicht nur diese Einstellung ist nachvollziehbar, sondern er hat auch mit "This Killing Emptiness" eine der intensivsten Elektro Platten der letzten zwei Jahre geschaffen. Ausgestattet mit einer bedrohlichen Atmosphäre wird hier genau das vermittelt, was mich schon immer an Elektro-Alben fasziniert hat: Alles verschlingende Dunkelheit und kalter Nihilismus. Besonderes Augenmerk wird auch auf den Gesang gelegt, der, mal tief-klar, mal heller-verzerrt, immer genau den richtigen Akzent zu setzen versteht.

Seine Tätigkeit in drei solch unterschiedlichen Formation sieht er so: "Für mich ist dies sehr wichtig, da ich dadurch kreativ bleibe und mich nicht musikalisch wiederhole. Im Gegensatz zu den modernen Tendenzen möglichst viele verschiedene, nicht miteinander verwandte Musikrichtungen in einer Band zu vermischen, ist es mir viel wichtiger einen eindeutigen Stil zu schaffen und meine schöpferische Abwechslung dadurch zu bekommen, daß ich in Bands unterschiedlicher Richtungen mitwirke. Für mich ist es wesentlich sinnvoller Musik "Summoning", "DVKE" und "Ice Ages" zu machen, als wenn ich alles (die in diesen Bands enthaltenen) Elemente vereinen würde (also Musik in der Gitarren, klassische Gesänge usw. vereint wären)."

Die Musik von Ice Ages klingt einerseits sehr kalt-modern, klinisch, andererseits schleicht sich auch etwas sehr archaisches, erhabenes in die Musik ein. Sie wirkt nicht wie eine sterile Computerwelt, sondern erinnert mehr an den rauen Charme eines alten, verfallenen Industriegebäudes, wenn dieser Vergleich so gezogen werden kann. "Ich finde, daß der Unterschied zu vielen elektronischen Bands jener ist, daß ich meine elektronischen Musikinstrumente mehr wie konventionelle Instrumente betrachte. Das heißt, daß für mich an erster Stelle die Melodie und der Rhythmus steht und erst dann die Sounds kommen. Mir ist zwar die Wahl meiner Melodie und Rhythmussound sehr wichtig, um dadurch eine kalte elektronische Atmosphäre zu erzielen, jedoch würde ich nie einen Sound in meiner Musik einbetten der weder Rhythmus noch Melodie trägt. Ich glaube, daß diese Vorgehensweise der Musik trotz aller Elektronik und krachenden Sounds eine gewisse allgemeingültigere, zeitliche Stimmung verleiht."

Dabei fällt auf, das einige Texte von Ice Ages sehr unterschwellig funktionieren und man gewisse Zeilen selbst noch Tage nach dem letzten Hörgenuß von "This Killing Emptiness" in sich trägt. "Ich glaube, daß jede Musik auch unterschwellig-unbewusst wirkt (zumindest jede gute). Wenn sie es nicht schafft sich unbewusst sich in mein Hirn einzuschleichen und dort lange zu verweilen, bin ich nicht mit ihr zufrieden. Ich würde sagen das 50 % meiner Zeit irgend welche Melodien von Bands die ich schätzt in meinem Kopf geistern." Richtig, jedoch gibt es einige Bands die damit bewußt arbeiten und bestimmte Frequenzen oder Aphorismen in ihre Musik einbauen, um so den Hörer auf einer anderen Ebene zu erreichen. Dabei wurden die Texte nicht alle von Richard selbst geschrieben, sondern einige wurden von seinem Freund Grom beigesteuert, der unter anderem auch an den DVKE und Summoning Homepages beteiligt ist. Meiner Aussage, die Texte seien gradliniger als jene von DVKE widerspricht Richard: "Ich bin nicht der Meinung, daß die Texte geradlinig sind. Zwar ist die Sprache sicher wesentlich moderner und daher klarer, aber den Inhalt und die Zusammenhänge der Wörter und Zeilen halte ich für recht unreal. Zwar kann man sicher surreale Bedeutungen rauslesen, jedoch werden nie eindeutige, knapp formuliert Slogans herausposaunt. Mir ist es wichtig, daß Liedtexte nie eine oberflächliche sloganartige Botschaft verkünden, da so etwas immer für mich wie eine Belehrung der Hörers klingt und ihm keine eigene Meinung unterstellt." Dabei hat er bei dem Titel "This Killing Emptiness" nicht unbedingt an eine philosophische Interpretation des Begriffs "Leere" gedacht: "Der philosophische Zugang war nicht jener den ich in meinem Kopf hatte. Ich habe mich nur mit dem emotionellen Aspekt der Leere, Einsamkeit und der Angst befasst und versucht ihn sowohl musikalisch als auch lyrisch möglichst intensiv darzustellen."

Das wirklich passende Cover des Künstlers Beksinski rundet gelungen den Gesamteindruck des Werkes ab: "Als ich das Bild sah dachte ich sofort daran, daß es sich inhaltlich und stimmungsmässig sehr gut als Ice Ages Cover eignen würde. Besonders der Titel "This Killing Emptiness" paßßt für mich perfekt auf die einsame Stimmung dieses Bildes." Die teils vertrackten Kompositionen dürften jedoch nicht einen möglichen Clubeinsatz stören, auch wenn solche Musik es sicher schwer in der heutigen Club-Landschaft haben wird. Denn Düsteres und Anspruchsvolles scheint zur Zeit nicht sonderlich gefragt zu sein, doch auch in den heimischen Gefilden kann "This Killing Emptiness" seine volle Wirkung entfalten und lädt den Hörer ein in ein bedrohliche und feindliche Welt. Verwehren sollte man diese Einladung auf keinen Fall!

von Martin Kreischer